Es gibt eine schöne Sammlung von Katzengeschichten auf der Knuddelbacke-Seite, diese eine möchte ich jedoch auch hier dem geneigten Leser anbieten. Es könnte fast meine eigene Geschichte sein. Nur das Ende ist dann doch nicht so traurig wie hier beschrieben, denn ich habe ja einen lieben Dosenöffner gefunden.

Susi - eine Katzengeschichte (seeeeehhhr lang !!!)

           von Anja Tomczak
                                       Hier der Text zum Download

Susi

Susi wurde im Spätherbst geboren. Sie waren zu fünft, fünf kleine
Fellknäule, in verschiedenen Farben. Susi war dreifarbig, ein
Glückskätzchen. Und Glück hatte sie wohl, als die Bäuerin meinte, eins
solle man an der Katze lassen.
Die Geschwister wurden fortgetragen. Sie starben im Naß einer
Regentonne, mit einem leisen Wimmern.

Nun war Susi allein. Sie tröstete sich mit der süßen Milch, die
durch die Zitze der Mutter floß. Bald öffnete sie die Augen. Sie
lebten in einer Scheune. Das Heu war kuschelig und warm und roch
verführerisch nach einem Sommer, den Susi noch nicht kennengelernt
hatte. Neugierig erkundete sie die Welt mit all ihren Sinnen. Was gab
es nicht alles zu entdecken! Viele Tiere lebten auf dem Hof. Schnell
lernte sie, mit wem sie spielen konnte. Hasso, dem Hofhund, ging man
lieber aus dem Weg, denn er war brummig und mochte keine Katzen. Mit
den Hühnern dagegen ließ es sich einwandfrei spielen, das Federvieh
erschrak so herrlich, wenn man es belauerte und ansprang. Wenn sie im
Futtertrog der Kühe herumspazierte, kam es schon mal vor, daß eine der
sanftmütigen Riesen Susi mit ihrer rauhen rosa Zunge über den Rücken
strich. Das mochte Susi besonders gern.

Zu den Menschen hatte sie nur wenig Kontakt, denn die kümmerten sich
nicht um die Katzen. Die Bäuerin stellte ab und zu Milch an die
Haustür, das war aber auch schon alles. Einmal trank sie gerade an dem
Napf von der Milch, als der Bauer zur Tür hinaus trat. Sie war ihm
wohl nicht schnell genug zur Seite gegangen. Der Stiefeltritt traf sie
völlig unvorbereitet und sie flog im hohen Bogen durch die Luft.
Schwankend und noch ganz benommen kam sie wieder auf die Pfoten, mit
einem stechenden Schmerz in der Brust. Sie verkroch sich in der
Scheune. Die Zeit heilt alle Wunden.

Es war einige Tage vor Weihnachten, als ein Auto auf dem Hof des
Bauern hielt. Heraus stiegen vier Menschen, zwei Erwachsene und zwei
Kinder. Die Familie holte jedes Jahr ihre Weihnachtsgans bei dem
Bauern ab. Während die Eltern in der Stube mit dem  Bauern redeten,
liefen die Kinder über den Hof und schauten sich die Tiere an. Nancy,
das Nesthäkchen, schlüpfte durch das angelehnte Scheunentor und
Thorsten folgte ihr. Während die Kinder sich mit Heu bewarfen, saß
Susi ganz still auf einem Balken und schaute dem närrischen Treiben
zu. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Endlich fiel Nancys Blick
auf die kleine zierliche dreifarbige Katze auf dem Balken. Ihre Augen
begannen zu glänzen. Eine Katze!

Eine Katze wollte sie schon immer gerne haben, so wie ihre Freundin
eine hatte.

Und diese hier war ja so schön und niedlich. Sie knuffte ihren Bruder
in die Seite, still zu sein und ging leise lockend auf Susi zu. Susi
dachte an den Fußtritt, den sie erst kürzlich von einem Menschen
empfangen hatte. Sie sträubte das Fell und fauchte warnend. Aber das
Mädchen ließ nicht locker. Schritt für Schritt näherte sie sich Susi,
bis diese nicht mehr weiter wußte und Reißaus nahm. Zum Glück kannte
sie die Löcher in der Scheunenwand, sie schlüpfte durch eins hindurch
und brachte sich in Sicherheit.

Nancy aber rannte aufgeregt zu ihren Eltern und erzählte von der
tollen Katze, die sie entdeckt hatte. "Bitte, Mami, ich will diese
kleine Katze haben, bitte, bitte" bettelte sie. Die Eltern schauten
sich an. "Aber Nancy-Schatz, Du weiß doch, wir werden uns keine
Haustiere anschaffen. Die machen doch nur Dreck". "Aber eine Katze
doch nicht, Mami!" widersprach ihr Nancy und erzählte von ihrer
Freundin, die ja auch eine Katze habe.

Doch die Eltern blieben hart und sagten nein, packten die
geschlachtete Gans ein und machten sich auf die Heimfahrt. Im Auto war
Nancy ganz still und traurig. Selbst die Neckereien ihres Bruders ließ
sie ohne Widerstand über sich ergehen. Sie wollte diese Katze!
Schließlich fing sie an zu weinen. Die Eltern trösteten sie und
erklärten ihr nochmal, daß eine  Katze nicht ins Haus käme. Nancy
quengelte jedoch weiter und ließ sich nicht trösten.

Einen Tag vor Weihnachten hielt der Wagen der Familie wieder auf dem
Hof des Bauern. Diesmal war nur der Vater gekommen und verhandelte mit
dem Bauern in der Stube. Das Ergebnis dieser Verhandlung war, daß die
Bäuerin mit einer Wurstscheibe in der Hand in die Scheune kam und Susi
damit anlockte. Vor der Bäuerin hatte Susi keine Angst, die hatte ihr
noch nie etwas getan und ihr sogar manchmal mit der schwieligen Hand
über den Rücken gestreichelt. Das war noch schöner gewesen als die
Zungen der Kühe.

Aber heute war alles anders. Kaum hatte sich Susi über die unerwartete
Zuwendung gebeugt, wurde sie im Genick gepackt und in einen dunklen
Sack gesteckt, bevor sie auch nur Mau sagen konnte. Dort zappelte und
schrie sie aus Leibeskräften, aber darauf nahm niemand Rücksicht. Der
Sack wurde hin- und hergeschleudert und dann war plötzlich Stille.
Gleich darauf begann irgendein schreckliches Tier tief und brummend zu
schreien. Susi in ihrer Angst, allein und hilflos in dem dunklen Sack,
nicht wissend, was mit ihr geschah, schrie mit, und zwar solange es
ihre Stimmbänder hergaben. Endlich war die Autofahrt zu Ende. Susi
schrie nicht mehr, bewegte sich nicht mehr.
Der Vater nahm den Sack vom Sitz und ging in den Keller. Dort öffnete
er den Sack und legte ihn hin. Susi rührte sich nicht.  Da verließ er
den Raum, kam aber bald darauf wieder, in der Hand einen Napf mit
Milch. Susi war inzwischen aus dem Sack gekrochen und hatte sich in
eine dunkle Ecke des versteckleeren Kellers geflüchtet.
Dort verbrachte sie den Rest der Nacht und den nächsten Tag, zutiefst
verstört und orientierungslos, nach einer Fluchtmöglichkeit suchend
und doch keine findend. Die Milch rührte sie nicht an, obwohl sie
Hunger verspürte. Zu tief saß noch der Schock in ihrer empfindsamen
Katzenseele, die letzte Gabe aus der Hand eines Menschen hatte sie
hierher gebracht.

Am Abend kam wieder der Vater. Er hatte eine Pappschachtel in der
Hand, in die kleine Löcher gerissen waren. Auch die Mutter kam mit
herunter. Gemeinsam drängten sie Susi in eine Ecke, schnappten sie und
steckten sie in den Karton. Dies ging nicht ohne Gewalt ab, da sich
Susi tapfer wehrte. Anfangs versuchten die Menschen noch, beruhigend
auf sie einzureden, aber nach dem ersten Kratzer an der Hand war die
Mutter sauer und der Vater nannte Susi "Mistvieh". Irgendwie waren sie
sich plötzlich nicht mehr sicher, daß es eine gute Idee gewesen war,
die Katze vom Bauernhof wegzuholen.

Aber dafür war es jetzt zu spät. Sie banden eine rote Schleife um den
Karton und trugen ihn ins Wohnzimmer, wo er unter dem reich
geschmückten und im hellen Lichterglanz strahlenden Weihnachtsbaum
seinen Platz fand. Susi miaute zwar in ihrem Karton, aber da sie noch
heiser vom Schreien bei der Autofahrt war, ging ihr krächzendes
hilfloses Miau in der Weihnachtsmusik unter, die aus dem Radio kam.

Dann holten die Eltern die Kinder herein. Mit glänzenden Augen standen
sie vor dem Weihnachtsbaum und sangen gemeinsam ein Weihnachtslied.
Nancy schloß die Augen und dachte noch einmal ganz intensiv an ihren
größten Weihnachtswunsch, mit dem sie seit Tagen ihre Eltern genervt
hatte.

Endlich durften sie die Geschenke öffnen. Nancy entdeckte den großen
Karton mit den Löchern sofort und öffnete ihn mit fliegenden Fingern.
Kaum hatte sie den Deckel gelüftet, raste ein wie dreifarbiger Blitz durch
den Raum und verkroch sich unter dem Sofa. "Oh, die Katze, es ist die
Katze!" jubelte Nancy begeistert auf, auch wenn sie nicht viel von
ihrem Tier gesehen hatte. Freudestrahlend fiel sie ihren Eltern um den
Hals.

Den Rest des Abends verbrachte sie mit Versuchen, Susi aus ihrem
Versteck zu locken, aber Susi war in dem ganzen Trubel nicht
freiwillig hervorzubringen. Schließlich hob der Vater das Sofa an und
die Mutter griff, mit Handschuhen gerüstet, nach der Katze, erwischte
Susi auch glücklich im Genick und brachte sie ins Kinderzimmer.
Anschließend durfte unter dem Sofa geschrubbt werden, weil Susi in
ihrer Not ihr Geschäft dort verrichtet hatte. Mißbilligend nahm die
Mutter einen Lappen. "Da hast Du's," sagte sie zum Vater, "kaum da,
macht das Tier schon Dreck."

Erst jetzt fiel ihnen auf, daß sie sich gar keine Gedanken gemacht
hatten, daß die Katze ein Klo braucht. Auch Futter hatten sie keins im
Haus und es waren doch Feiertage. Naja, satt sollte die Katze schon
werden, es gab ja genug zu essen, was sie auch mit fressen konnte.

Nancy stellte erstmal einen Pappkarton mit Sand im Kinderzimmer auf
und brachte Susi ein Schälchen Milch. Susi saß unter dem Bett und
starrte Nancy mit großen Augen an, die sie mit weicher Stimme lockte.
Es dauerte zwei Tage, bis Susi endgültig ihr Versteck verließ und
soweit Zutrauen hatte, nicht sofort wieder darunter zu verschwinden,
wenn Nancy ins Zimmer kam. Anfassen und streicheln ließ sie sich aber
noch lange nicht, dafür waren die traumatischen Erlebnisse, die sie
hier her gebracht hatten, einfach noch zu frisch.

Bald stellte Nancy fest, daß ihre Katze, die sie sich so dolle
gewünscht hatte, nicht so ganz ihrer Vorstellung von einer
Schmusekatze entsprach. Woher auch, Susi hatte in ihrem kurzen Leben
bisher noch nicht viel Gutes von Menschen erfahren und auch wenn ein
Streicheln über den Rücken für sie das höchste Glück war, mißtraute
sie dem Mädchen und dem Rest der Familie noch zu sehr, um es
zuzulassen.

Nancy wurde bald ungeduldig mit Susi und versuchte, sie mit Zwang zum
Schmusen zu bekommen. Susis scharfe Krallen zogen sich quer über die
zwingende Hand des Mädchens, sie fauchte. Nancy schrie auf, ließ die
Katze fallen und rannte weinend zu ihren Eltern.

"Die Katze ist ja so gemein! Sie hat mich gekratzt! Sie ist böse! Ich
will sie nicht mehr, Papa!" schluchzte Nancy. Ihre Mutter nahm sie
tröstend in den Arm und schaute den Vater tadelnd an. "Ich hab Dir
gleich gesagt, das ist eine dumme Idee". "Bring die Katze zurück!"

Brummelnd  gab der Vater seine Zustimmung.

Am nächsten Tag  lud er Susi wieder mittels Pappkarton ins Auto und
machte sich auf den Weg zum Bauern. Unterwegs, er hatte etwa die
Hälfte der Strecke hinter sich, kam er ins Grübeln. Was würde der
Bauer wohl sagen, wenn er mit der Katze zurück käme? Würde er ihn
auslachen, weil er nicht mal eine Katze bändigen konnte?
Wahrscheinlich. Wozu eigentlich die Mühe, bis zum Bauern zu fahren.
Katzen sind doch selbstständig, können Mäuse fangen, sich selber
versorgen!

Kurzentschlossen bog er einen Feldweg ein, hielt das Auto an und stieg
aus, den Karton in der Hand. Einen Moment war er noch unschlüssig,
dann stellte er die Schachtel auf den Boden und öffnete den Deckel.
Susi starrte ihn mißtrauisch aus der Box heraus an. Er schaute zurück
und für einen kurzen Moment empfand er so was wie Gewissensbisse. Doch
dann verdrängte er diese Gefühle rasch, drehte sich um und stieg
wieder ins Auto.

Susi schaute dem davonfahrenden Auto nach. Sie kam sich seltsam vor.
Einerseits fühlte sie sich verloren und einsam inmitten der weißen
verschneiten Leere um sie herum, andererseits trug ihr der Wind den
Geruch von Freiheit zu, die sie in der Wohnung der Familie vermißt
hatte.

Langsam stieg sie aus dem Karton und lief in Richtung Wald, eine
einsame Spur von Katzenpfotenabdrücken hinter sich im Schnee
zurücklassend.
Fünf Tage lang irrte sie durch den ihr unbekannten Wald. Sie litt
Hunger, denn sie konnte zwar schon Mäuse fangen, aber zu dieser
Jahreszeit waren die Fellpiepser schon lange in ihren Löchern
verschwunden und warteten dort auf den Frühling. Gegen den Durst
leckte sie am Schnee.

Dazu gesellte sich eine schwere Erkältung, denn sie war geschwächt und
hatte dem rauhen Klima nicht genug Abwehrkräfte entgegenzusetzen.
Mühsam schleppte sie sich weiter, zwischendurch von Hustenanfällen und
Fieber geschüttelt.

An einer großen Erle, die ihre nackten entlaubten Arme in den grauen
Himmel reckte, legte Susi sich nieder. Sie schloß die Augen und dachte
an das wundervoll duftende Heu in der Scheune, wo sie an der Zitze
ihrer Mutter saugte und von einem nie erlebten Sommer träumte. Ein
letztes keuchendes Husten entrang sich ihrer gequälten Brust, dann
sank Susis Kopf in den Schnee und sie fand ihren ewigen Frieden.

Ende
Liebe Dosis!
Diese Geschichte ist zwar erfunden, könnte aber genausogut eine wahre
Geschichte sein. So etwas spielt sich immer wieder ab.
Die Geschichte hätte auch gut enden können, Susi hätte in der Familie
heimisch werden und noch ein langes glückliches Katzenleben leben
können. Ich habe die Geschichte aber bewußt traurig enden lassen,
damit wir uns gerade zur Weihnachtszeit vor Augen führen, daß es nicht
allen Tieren so gut geht, wie unseren eigenen. Deshalb an alle, BITTE
holt euch nicht unüberlegt eine Katze ins Haus und schon gar nicht als
Weihnachtsgeschenk!

Und habt Ihr Euch nach reiflicher Überlegung für eine Katze
entschlossen, dann denkt an die vielen Katzen in den Tierheimen, die
auf ein neues Zuhause warten.

Ein besinnliches Weihnachtsfest wünscht Euch und Euren Katzies
Anja

"Ich weiß kein schöneres Gebet, als das alle
lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben mögen"
aus FRANCIS von Akif Pirincci

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